Kleiner als ein Atom

Warum ich Atomic Design für wissenschaftliche Grafiken neu gedacht habe

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Two donkeys carry climbing gear through rough terrain with high snowy mountain peaks in the background.

Wer im Produktdesign arbeitet, kennt Brad Frosts Atomic Design. Wer es nicht kennt, hier die Kurzversion: Frost überträgt die Logik der Chemie auf Interfaces. Alles beginnt mit Atomen – den kleinsten Einheiten eines Systems, etwa ein Button oder ein Label. Diese verbinden sich zu Molekülen, Moleküle zu Organismen, bis am Ende ein vollständiges Interface steht.

Das Prinzip ist bestechend, weil es Ordnung in Komplexität bringt. Und es hat die Art verändert, wie ganze Industrien über Design nachdenken.

Ich wollte es auf wissenschaftliche Grafiken anwenden. Und stieß sofort auf ein Problem.

Frosts Atome sind bereits zusammengesetzt. Ein Button enthält Farbe, Schrift, Form, Abstände – er ist nicht unteilbar, er ist schon eine Kombination. Für Interface-Design ist das völlig sinnvoll: HTML-Elemente sind nun mal die kleinste praktische Einheit, mit der man arbeitet.

Für wissenschaftliche Grafiken reicht das nicht. Wer eine Illustration einer Zelle, eines Signalwegs oder einer molekularen Wechselwirkung gestaltet, braucht kein fertiges Atom als Ausgangspunkt. Er oder sie braucht eine Entscheidung: Welche Form? Welche Farbe? Welche Beziehung zum Weißraum? Warum?

Diese Fragen lassen sich nicht auf der Ebene von Atomen beantworten. Sie verlangen eine Ebene darunter.

In meinem Modell beginnt alles mit Partikeln – den subatomaren Grundelementen jeder visuellen Kommunikation:

Farbe – nicht als Ästhetik, sondern als Träger von Information

Form (und ihre Ausrichtung) – der visuelle Stellvertreter für ein Objekt oder einen Prozess

Typografie – Schrift als visualisierter Gedanke

Weißraum – nicht das Nichts zwischen Elementen, sondern das, was Beziehungen definiert

Jedes dieser Partikel ist für sich genommen bedeutungslos. Erst in Kombination entsteht ein Atom – die kleinste sinntragende Einheit einer Grafik.

Ein konkretes Beispiel: Ein Icon für das Coronavirus.

Die Form ist der Stellvertreter für das Virus – sie macht es sichtbar, ohne es abzubilden. Die Farbe gibt Auskunft über Variante oder Zustand. Der Weißraum um das Icon entspricht der Atomhülle: er trennt, aber er strukturiert auch. Wird ein Label – ein weiteres Atom, diesmal aus Typografie und Weißraum zusammengesetzt – in der Nähe des Icons platziert, entsteht automatisch eine Beziehung. Nicht durch Inhalt, sondern durch räumliche Nähe.

Das ist keine Metapher. Das ist, wie visuelle Wahrnehmung funktioniert.

Aus Atomen werden Moleküle – komplexere Einheiten, in denen mehrere Atome zu einer gemeinsamen Aussage zusammenwachsen. Und aus Molekülen entstehen schließlich Organismen: vollständige Grafiken, die eine wissenschaftliche Geschichte erzählen.

Was diesen Ansatz von Frost unterscheidet, ist nicht nur die zusätzliche Ebene. Es ist die Haltung dahinter. Atomic Design fragt: Aus welchen Teilen besteht das Ganze? Mein Modell fragt zuerst: Was bedeutet jedes einzelne Element – und welche Entscheidung steckt darin?

Diese Frage ist in der wissenschaftlichen Kommunikation selten gestellt. Grafiken entstehen oft als Nebenprodukt der Forschung – schnell, pragmatisch, mit dem, was gerade an Tools zur Verfügung steht. Das Ergebnis sind Grafiken, die korrekt sind, aber nicht kommunizieren.

Wenn ich mit Wissenschaftler*innen arbeite, beginne ich deshalb nicht mit Software. Ich beginne mit den Partikeln. Mit der Frage: Was soll diese Farbe sagen? Warum diese Form und nicht eine andere? Was passiert, wenn ich zwei Elemente näher zusammenrücke?

Wer diese Entscheidungen bewusst trifft, gestaltet nicht mehr – er oder sie kommuniziert.

Das Modell ist Teil meines Handbuchs Scientific Visual Design, das ich gerade entwickle. Es ist kein Regelwerk. Es ist ein Werkzeug zum Nachdenken – über Grafiken, die mehr leisten sollen als Dekoration.

Denn das Kleinste bestimmt das Ganze. Immer.

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